Jub und Tom

10/12/2010 bis 15/01/2011

Öffnungszeiten: Mo-Sa 11-13 Uhr & Mo-Fr 16-20 Uhr

09.12.2010 um 19:30 Uhr | Raum 5 und 6

Retuscheweb

Ausstellung vom 10. Dezember 2010 bis 15. Januar 2011

Zur Ausstellungseröffnung am Donnerstag, den 09.12.2010 um 19:30 Uhr
laden wir Sie und Ihre Freundinnen und Freunde herzlich in die Villa Ichon ein.

Begrüßung: Reiner Schümer (Freunde und Förderer der Villa Ichon e.V.)
Eröffnungsrede: Carsten Ahrens (Direktor Neues Museum Weserburg)

 

Die auffälligsten, weil formatgrößten Bilder dieser Ausstellung, die sich dem Thema eines Mit- und Gegeneinanders von Figur und Raum bzw. Fläche widmen, greifen auf kulturgeschichtliche Vorgaben zurück, auf Comics oder auf nostalgische Bilder aus alten Schulbüchern, die dem einfachen Gemüt die Welt überschaubar zu erklären, meistens allerdings auch zu verklären suchten. Oder sie zitieren Kunstgeschichte, entlehnen sozusagen Bildräume, in welche die von Schatten begleiteten Figuren hinein montiert oder hinein projiziert werden. Anonyme Zeitgenossen stehen plötzlich mitten in der Bildwelt eines Albert Marquet oder Henri Matisse, und das eine, das Hineinmontierte, ist vom anderen, dem geliehenen Raum, erst auf den zweiten Blick zu unterscheiden, auf den es bei Jub Mönster allerdings immer ankommt. Und als ob solches Verwirrspiel nicht genüge, wird in diese synthetischen, also kunstvollen Kulissen noch eine dritte Ebene gezogen, mit einem rosenbesetzten Vorhang etwa, der angeblich zwei Wirklichkeitsbereiche voneinander trennt, in diesem Fall aber viel eher die Verschiedenheiten zu einer Einheit verbindet.

Jub Mönster liebt das optische Verwirrspiel und macht es zur Kunst. Er bereichert uns, indem er uns verunsichert.

Jub Mönster ist ein großer Realist, aber auch ein großartiger Erzähler, ein Fabulierer im besten Sinne des Wortes, was eben bedeutet: dass in seinen Phantasien eine ganz elementare Wahrheit steckt. Und um diese geht es, nicht um eine gekonnte Spielerei, sondern um die Erscheinung und ihre Wahrheit, unseren Glauben an die Welt und unser Vertrauen in deren Wahrnehmung. Das größte Mysterium, darin hatte der norddeutsche Malerkollege Franz Radziwill vielleicht recht, ist immer noch die Wirklichkeit. Seine Lektionen transportiert Jub Mönster nicht als Philosoph, nicht mit abstrakten Formeln und einer höchst anstrengenden Begrifflichkeit, sondern auf eine subtile und auch unterhaltsame Weise, in der er, mit großer Lust am spielerischen Experiment und an der sinnlichen Verführung, über uns und die Natur unserer Wahrnehmung charmante Lektionen erteilt,

Prof. Dr. Bernd Küster, Direktor der Museumslandschaft Hessen Kassel

Fragmente der Erinnerung – Partikelgestöber des Wirklichen

Ein Pitbull, isoliert auf weißer Fläche, nimmt den Betrachter ins Visier. Eine Pistole wird von einem Jungen frontal auf den Betrachter gerichtet. Eine fallende Figur saust neben dem verschwommenen Szenario eines alltäglichen Wohnblockareals in den Abgrund. Porträts figurieren auf den ornamentalen Feldern der Konvention. Bedeutende Momente des konditionierten Familienlebens fokussieren in pointierten Umrisslinien den Horror genormter Alltäglichkeit. Figuren, die, losgelöst aus ihrer Umgebung, im fragmentarischen Moment das Leben als Wechselspiel zwischen Hoffnung und Verzweiflung beschreiben...

Tom Gefkens Malerei ist in radikaler Weise an der Gegenwart interessiert – und dabei ist mit Blick auf die geheimnisvollen Wege der Individuation die Gegenwart des Vergangenen ebenso präsent und bestimmend wie das Hier und Jetzt des Lebens in unserer Zeit. Wenn in changierend nebelhaften Tönungen der lange Gang zwischen den Regalen eines Supermarktes im Bild zu einer bedrohlich-gespenstischen Allee des gleichgeschalteten Konsums wird, wenn ein isoliert auf der Fläche skizzierter Einkaufswagen zu einem unheimlichen Vehikel mutiert und zu einem beredten Zeichen unserer Zeit wird, dann wird deutlich, wie es hier gelingt, den Blick auf die Realität so im Bild der Malerei zu bannen, dass im Alltäglichen die Dimension der Tiefe, der Raum des Existenziellen, sich eröffnet, um nicht zu sagen – aufbricht. Dass ein Bild der Malerei, mehr über die Wirklichkeit des Lebens auszusagen vermag, als die berühmte Fotografie der Krupp-Werke, das wird hier in Bildern deutlich, die in immer neuen Variationen verdichtete Momente erfahrenen und gesehenen Lebens fassen...

Der Künstler scheint dabei auf genau jenen utopischen Fluchtpunkt zu zielen, den Georg Simmel als „Wunder der Kunst“ beschrieben hat: „So gehört dies überhaupt zu dem unbegreiflich Höchsten aller Kunst, dass sie die Wertreihen, die im Leben gleichgültig, fremd oder feindlich auseinander liegen, wie in selbstverständlicher Einheit zusammenführt… und uns damit eine Ahnung und ein Pfand gibt, dass die Elemente des Lebens doch wohl in ihrem letzten Grunde nicht so heillos gleichgültig und beziehungslos nebeneinander liegen wie das Leben selbst es glauben machen will.“

Auszüge des Katalogtextes „Hidden“, Tom Gefken,
von Carsten Ahrens, Direktor Weserburg / Museum für moderne Kunst, Bremen