KRIEGSZEITEN

08/08/2009 bis 05/09/2009

Öffnungszeiten: Mo-Sa 11-13 Uhr & Mo-Fr 16-20 Uhr

07.08.2009 um 19:30 Uhr

kerbelaBremenweb

Zur Ausstellungseröffnung am Freitag, 07.08.2009 um 19:30 Uhr
sind Sie und Ihre Freunde herzlich in die Villa Ichon eingeladen.

Begrüßung: Lothar Bührmann (künstlerischer Leiter der Villa Ichon)
Eröffnung:  Gerhard Kromschröder (Journalist und Buchautor, u.a. "Bilder aus Bagdad")

Die Motive zeigen Kriegsszenen aus dem Irak, wo Hegenbart zusammen mit dem stern-Reporter Christoph Reuter von Februar bis Juli 2003 unterwegs war.
Thomas Hegenbarts Bilder in der Ausstellung "Kriegszeiten" beschreiben zwei der zentralen Konflikte des Nahen Ostens. Sie lassen bereits ahnen, was heute Gewissheit geworden ist: Dass der Irak ein kompliziertes Gebilde ist, ein Staat, in dem unterschiedliche Volksgruppen miteinander in Konkurrenz oder gar in offener Feindschaft stehen. Dass der tägliche Terror zwei Jahre nach dem Ende der Diktatur Saddam Husseins eigentlich nur jene überrascht hat, die es vorher nicht wahrhaben wollten.

Thomas Hegenbart war bereits von 1969 bis 1974 als Fotograf im Ausland tätig, unter anderem lebte er drei Jahre in Australien. Er arbeitete anschließend fünf Jahre als Werbe- und Modefotograf in Hamburg, bevor er im Auftrag von stern und GEO, des Zeit-Magazins sowie Focus zahlreiche Reisen unternahm - in den Nahen Osten, nach Namibia, Südafrika, Nepal, Sibirien, USA, Äthiopien und immer wieder in aktuelle Krisen- und Kriegsgebiete wie Libanon, Israel, Nicaragua, Iran, Afghanistan und dem Irak. Der 51-jährige Fotograf lebt heute in Großhansdorf bei Hamburg.

 
Wo der Mensch dem Menschen Wolf ist

 

Wo der Mensch dem Menschen Wolf ist

 

Wo der Mensch dem Menschen Wolf is

Gerhard Kromschröder zur Eröffnung der Fotoausstellung „Kriegszeiten“

von Thomas Hegenbart am 7. August 2009 in der Villa Ichon in Bremen

 

Sehr verehrte Damen und Herren,

lieber Thomas, liebe Solveig.



Sie wissen nicht wer Solveig ist? Das ist die Frau von Thomas Hegenbart, dessen Irak-Fotos hier ausgestellt sind. Sie hat – wie ich weiß – viele bange Stunden, Tage und Wochen verbracht zwischen Februar und Juli 2003, als die in dieser Ausstellung gezeigten Fotos entstanden sind (und nicht nur da war ihr bange um ihren Mann).

Denn ihr Mann war in dieser Zeit wieder einmal unterwegs in einem „Krisengebiet“, er ist ja Kriegsfotograf, und schließlich hat Robert Capa, der hochgelobte Altmeister dieses Genres, für diese Journalistengattung die Latte hochgelegt, indem er sagte: „Wenn Deine Bilder nicht gut genug sind, dann warst Du nicht nah genug dran“.

Ist also, wer als Fotograf im Krieg Distanz hält, eine Memme? Und der Draufgänger die Idealbesetzung? Fest steht: Wer zu nah am Feuer ist, verbrennt, und an einem Tag im Mai 1954 war Robert Capa in Vietnam zu nah dran, er trat auf eine Landmine und wurde getötet.

Das alles mag Solveig durch den Kopf gegangen sein in diesen Monaten. Vielleicht hat sie sich damit getröstet, dass ihr Mann kein Hasardeur ist, keiner, der ungeachtet des Risikos auf seinem Bild insistiert. Thomas kann warten, bis sich ein Motiv entwickelt, bis es reif ist.

Manchmal, das gebe ich zu, hat es mich wahrlich zur Weißglut gebracht, dass er sich so viel Zeit nimmt und sich mit so viel Bedacht seinen fotografischen Objekten nähert. Ein Beispiel: Wir waren in den Achtzigern für etliche „Stern“-Reportagen als Team unterwegs, er als Fotograf, ich als Texter. Die längste unserer gemeinsamen Unternehmungen hat drei Monate gedauert, da hatten wir uns in die europäische Skinhead-Szene eingeschlichen, waren unterwegs zwischen London und Athen, zwischen Mailand, Belfast und Paris, immer mittendrin.

Wie oft habe ich da gesagt: „Mensch, Thomas, verdammt, jetzt knips doch!“, wenn ich meinte, das sei doch ein prima Motiv. Doch Thomas verweigerte sich stoisch, und ich fluchte. Und dann hat er schließlich – mir hat’s viel zu lange gedauert - doch seine Kamera hochgenommen und abgedrückt. Dies wurde fast zu einem Spiel zwischen uns – meine Ungeduld und sein Abwehren meiner Drängelei. So hat er auch in kniffeligen Situationen kaltes Blut bewahrt, bis ein Motiv seinen Ansprüchen genügte und er es wert fand, es auf Film festzuhalten.

Später, das kann ich ja hier jetzt bekennen, als die Fotos dann entwickelt waren, musste ich zugeben, dass er Recht behalten hatte. Wäre er meinen quengeligen Ratschlägen gefolgt, hätten die Fotos längst nicht die Prägnanz und die Aussagekraft gehabt, mit der sie dann unsere Reportagen schmückten.

Diese professionelle Ruhe und Bedachtheit, die finden wir auch auf den hier gezeigten Bildern, bei aller Hektik der dargestellten Ereignisse. Sie sind das Ergebnis einer mehrmonatigen Langzeitbeobachtung unter erschwerten Bedingungen. Auf den ersten Blick geht es um den auf Lügen gegründeten Irak-Krieg von George W. Bush im Jahr 2003, der sich dann mit berserkerhaftem Hass in den irakischen Alltag gefressen hat, über Jahre - bis zum heutigen Freitag: erst vor wenigen Stunden sind in Mosul und Bagdad 36 Menschen bei Sprengstoffanschlägen ermordert worden, 200 sind verletzt, zum Teil schwer, Männer, Frauen, Kinder.

Bei den hier gezeigten Fotos von Thomas Hegenbart geht es für mich nur vordergründig um den Irak-Krieg 2003. Die Bilder gehen über die Zeit hinaus, in der sie entstanden sind, sie lassen die Aktualität hinter sich. In ihnen sehe ich eben nicht diesen einen singulären Krieg - ich sehe alle Kriege. Denn Hegenbarts Kriegspanorama gibt uns prototypisch einen intimen und ungeschminkten Einblick in das Innenleben des Krieges als Schule der Barbaren.

Sein hier ausgestellter Bilderbogen „Kriegszeiten“ lässt kaum einen Aspekt des Krieges aus, er zeigt ihn in seiner ganzen brachialen Spannbreite: Wir sehen Flucht und Vertreibung. Das Geprotze der Sieger und die Erniedrigung der Besiegten. Wir sehen die Kraft des Fanatismus, den Fatalismus der Opfer. Geschäftstüchtige Kriegsgewinnler sehen wir und hilflose Kinder. Verstümmelte und Kranke, fürs Leben gezeichnet. Und immer wieder sehen wir: Tod und Vergänglichkeit. Hegenbarts Fotos führen uns so mitten ins Herz der Finsternis, dorthin, wo der Mensch dem Menschen Wolf ist.

Der Patriotismus, das Refugium der Halunken, versucht uns trotz solcher Bilder, die das hässliche und hassverzerrte Gesicht des Krieges zeigen, Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln aufzuschwatzen. Ein professionelles Kriegsmarketing will uns dabei mit allen erdenklichen Tricks weiszumachen, im postmodernen Krieg gehe es ganz besonders human zu.

Da werden uns Drohnen und intelligente Bomben vorgeführt (und wann haben Panzer Abitur und Tarnkappenbomber einen Magister?), Drohnen und intelligente Bomben werden uns vorgeführt, deren aus ihrer Nase aufgenommenen, computerspielhaften Bilder uns vorgaukeln sollen, heute führe man einen zielgenauen, schmerzlosen, sauberen Krieg, ganz ähnlich einem exakten, chirurgischen Eingriff in krankes Gewebe.

Dabei ist das die schlichte Wahrheit, und hier in dieser Ausstellung springt sie uns an: Krieg ist ein antizivilisatorischer Akt, er entmenscht den Menschen, erniedrigt ihn, produziert individuelles Leid, er rüttelt an den Festen der von uns gebauten Welt, zerstört und reißt ein. Krieg ist kein virtuelles Spiel, keine hohe Form der Chirurgie – Krieg wirkt tödlich.

In dieser Ausstellung ist der Kriegstod in etlichen Bildern gegenwärtig. Beim Betrachten dieser Fotos habe ich mich gefragt, ob es nicht überhaupt zynisch ist, solche Bilder zu machen, zum Beispiel Leichen zu fotografieren, diese malträtierten Leiber. Und ich habe mich dann in die Überlegung gerettet: Vielleicht bekommt der Tod dieser Kriegsopfer noch einen klitzekleinen Rest von Sinn, wenn diese geschundenen Körper in den Fotos den Schrecken des Krieges bezeugen, seine dunkle Seite zeigen. Das würde den Opfern vielleicht ein bisschen von der Würde zurückgeben, die ihnen der Krieg genommen hat.

Und ich glaube, dass die Opfer wollen, dass ihr Leid nicht unterschlagen wird, sondern dass wir es sehen – und daraus unsere Schlussfolgerungen ziehen. Seht her, sagen diese Fotos, so sieht das aus, das richtet Krieg an. Du wirst nicht sagen können, Du hättest es nicht gewusst. Das Bild kann so zum Appell werden, etwas zu unternehmen, zu intervenieren dagegen, wie der Krieg die gebaute Welt entleert und einebnet und wie er tötet.

Ihnen, meine Damen und Herren, wünsche ich zum Schluß, dass diese Ausstellung sie ermutigt, gegen Krieg – in welcher Form auch immer, wo auch immer - zu intervenieren.

Thomas Hegenbart wünsche ich die Bestärkung seiner Einsicht, dass kein Bild ein Menschenleben wert ist.

Und Dir, liebe Solveig, wünsche ich schließlich, dass Du Deinen Kerl auch in Zukunft immer wieder wohlbehalten zurückbekommst.


Ich danke Ihnen.