Rented Rooms - Torben Höke

26/09/2014 bis 01/11/2014

Öffnungszeiten: Mo-Sa 11-13 Uhr & Mo-Fr 16-20 Uhr

25.09.2014 um 19:30 Uhr | alle Räume

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Ausstellungseröffnung: „Rented Rooms" Torben Höke

"Rented Rooms" - Fotografien von Torben Höke

Die Ausstellung in Kooperation mit "fotokunstbremen" ist noch  bis zum 1.11. 2014 in den Räumen der Villa Ichon, Goetheplatz 4 zu sehen

Drei Monate lang reiste Torben Höke durch Indien. Er saß in Bussen und in Zügen, bis zu 35 Stunden am Stück. Von Kolkata über Varanasi und Bangelore im Süden und wieder zurück nach Kolkata. Er sah Armut und Reichtum, Rolls Royce und Rikschas, prachtvolle Tempel, die Hippies in Goa, die überfüllten Zugabteile auf dem Weg in die Millionenstadt Mumbai und die steinigen Pisten, auf denen die Busse durch das staubige Hinterland schaukeln. Kurz - er hat viel gesehen von der widersprüchlichen Schönheit und der wuchernden Größe Indiens, doch nichts davon findet sich in seinen Bildern. Die Aufnahmen für dieses Buch sind dort entstanden, wo Reisende ihren Weg unterbrechen und in einer seltsamen Zwischenwelt verschwinden. Torben Höke führt uns in Low Budget Unterkünfte, zeigt Räume, die überall und nirgends sein könnten, portraitiert Menschen, die auf schlichten Bänken und harten Pritschen ausruhen und sich für eine Weile ein improvisiertes Zuhause schaffen. Am Ende, so scheint es, sind alle Reisenden unterwegs zu sich selbst. (Hendrik Lakeberg)

Text über Fotograf Torben Höhe von Autor Peter Lindhorst

Reisen ist eine Bewegung, die zum Denken führt. Das stammt von dem Schriftsteller Cees Nooteboom, der u.a. für eine Reihe großartiger literarischer Reiseberichte verantwortlich ist. Er ist jemand, der das Reisen als großangelegte Meditation, als eine Suche nach der Stille in der Bewegung begreift: „Vielleicht ist es so, dass der wahre Reisende sich stets im Auge des Sturms befindet. Der Sturm ist die Welt, das Auge ist das, womit er die Welt betrachtet."
Die Suche nach Stille in der Bewegung. Das scheint mir das passende Bild, um die fotografische Arbeiten des Reisenden Torben Höke zu beschreiben. Eine Arbeit, die mir erstmals 2010 bei den Kasseler Fototagen im Meer der eingereichten Dummies auffiel und die just als sorgfältig gemachte Buchausgabe, bei der man zwischen drei verschiedenen Covern aussuchen kann, im Peperoni Verlag erschienen ist.

Der junge Fotograf war mehrere Monate offenen Auges durch den „Sturm" einer aufstrebenden Wirtschafts- und Technologienation Indien unterwegs, von Kalkutta nach Varanesi, nach Bangalore in den Süden und wieder zurück. Er fand sich in überfüllten Städten wieder, die von modernster Technologie und gleichzeitigen Auszehrungen des Kapitalismus geprägt waren und fuhr über Land, wo er einer stark verarmten Bevölkerung begegnete. Er bewegte sich zwischen Orten bombastischen Reichtums und bitterster Armut, er durchreiste ein Panorama der großen Vielfalt von Sprachen, Religionen und Traditionen. Nichts davon ist in seinen Bildern zu sehen oder nur sehr indirekt.
Ein Land, das so voller Widersprüche steckt wie kein anderes, erfordert immer wieder ein Innehalten und Reflektieren des europäischen Reisenden. Es gibt unendlich viele fotografische Serien über Indien. Natürlich weiß der Fotograf darum und hat ein fast gegensätzliches Konzept dazu entwickelt, bei dem er Distanz schafft und Klischees konterkariert. Das Extreme des Landes, das Exotische, das Schockierende, das Laute, Überfüllte, all das soll gar nicht vorkommen. Was kann man aber den fremden und verstörenden Erfahrungen entgegensetzen? Höke agiert im stillen Kämmerchen, an jenen Orten, die Sharada, Maria oder R.G.Lodge heißen. Kahle Hotelwände statt Bollywood-Kulisse. Das triste Kleid des Alltags statt farbgewaltiger Indienfolklore. Er fotografiert in jenen preisgünstigen Unterkünften und Backpacker-Hotels, in die er sich auf seinen strapaziösen Zug- und Busreisen durchs riesige Land erschöpft zurückzieht. Mit seiner Fotografie führt er uns von einem Innenraum in den nächsten. Es sind stille Innenansichten, die in ihre Bescheidenheit wie Mönchszellen anmuten. Ist das Erkunden dieses Mikrokosmos für den Betrachter ein zu karges Augenfutter?

Im Gegenteil, die kontrollierte Zurückhaltung imponiert. Torben Hökes Ansichten fordern einen zweiten Blick, der Fotograf offeriert uns meditative Ansichten, in transzendente, melancholische Farben getaucht. Die Farbe blättert in großen Stücken von der Wand. Aus einem Stromkasten quillt Kabelsalat hervor. Auf einem Kissen liegt ein aufgeschlagenes Buch mit dem Titel „My Experiences with a Living God". Auf der Ablage eines Getränkeautomats im Foyer ist ein Aquarium abgestellt. Ein schlafender Hund liegt zusammengerollt auf einer Stufe.
Zuweilen gibt es auch Begegnungen mit anderen Gästen oder den Betreibern der Billighotels. Eine Frau betreibt ihre Yoga-Übungen im Treppenhaus, ein Portier schlürft seinen Tee hinter seinem Empfangstresen. Menschen liegen erschöpft auf ihren Betten. Immer wieder sind wunderbare Porträts von anderen Hotelbewohnern eingewoben, die dem Buch einen eigenen erzählerischen Rhythmus vorgeben.

Torben Hökes Bilder sind Reflexionen über das Reisen, ein Nachdenken über das Bewegen und Innehalten, die Flüchtigkeit des Moments, die kurze Begegnung mit anderen Reisenden. Reisen ist eine Bewegung, die zum Denken führt. Torben Höke reist nach Indien, seine Bilder stellen keine Inventarisierung des Landes da. Sie lassen viele Freistellen. Aber gerade das regt den Betrachter zur Auseinandersetzung an und bereitet ihm Erkenntnisgewinn.

Für Letzteres muss er nicht mal eigens reisen! (Peter Lindhorst)