Tom und Jub

22/11/2008 bis 30/12/2008

Öffnungszeiten: Mo-Sa 11-13 Uhr & Mo-Fr 16-20 Uhr

21.11.2008 um 19:30 Uhr

tomundjubgross

Arbeiten mit Fotos von Tom Gefken und Jub Mönster
Ausstellungseröffnung am Freitag, den 21. November 2008 um 19:30Uhr
Begrüßung: Reiner Schümer (Freunde und Förderer der Villa Ichon e.V.)
Eröffnungsrede: Carsten Ahrens (Direktor, Neues Museum Weserburg).

 

Carsten Ahrens (Direktor Neues Museum Weserburg, Bremen), 2007 über Tom Gefken

„Die Kunst Tom Gefkens ist ein kaleidoskopisch collagiertes Architrav der Erinnerung. Auf Dachböden, in Kellern und auf Flohmärkten findet er in den familiären Erinnerungsfotos, die nicht von einer Generation an die andere übergeben wurden und somit als individuell familiäres Gedächtnis ihre Funktion verloren haben, die Elemente seiner Kunst. „Fundstücke“ nennt der Künstler selbst dieses Material, in das er sich versenkt und dessen Geschichte er nachspürt, die in den Abbildern des Vergangenen virulent sind. Schließlich geraten sie in den Prozess der Gestaltung eines Raumes, der zu einem allgemeinen Ort der Erinnerung wird. Der Künstler radiert an der individuellen Geschichte, die im fotografischen Bild erfasst ist, um sie ins Allgemeine zu wenden. So werden die realen Fundstücke in der Hand des Künstlers zu Artefakten, die das geheimnisvolle Spiel menschlicher Erinnerung umkreisen, und in diesem Umkreisen deutlich machen, dass Erinnerung ein Prozess ist ohne Haltepunkt und Zielhafen.

Die malerische Geste war diesem artistischen Prozess der Genese des Werkes immer schon eingeschrieben. In der Überzeichnung und Übermalung seiner Fundstücke war die ebenso präzise wie kraftvolle malerische Handschrift Tom Gefkens schon immer präsent. Diese malerische Bravour drängt nun seit einiger Zeit zusehends ins Zentrum seiner Arbeit. So sind in den vergangenen Jahren neben der collagierenden und installativen Arbeit mit den Fundstücken vornehmlich Bilder entstanden, die allein der Sprache der Malerei vertrauen.

Auch in diesen Bildern sehen wir den collagierenden Blick des Künstlers am Werk. Gefken spielt in seinen Bildern mit unterschiedlichen malerischen Stilformen, und er tut dies mit Bravour. Dem changierenden Farbraum, der im zarten Spiel des claire obscure Figurationen nur als Ahnung, als fragiles Bild flüchtiger Erinnerung aufscheinen lässt, mag sich im nächsten Bild in einen strikten Liniengrund kraftvoll gesetzter Farben verwandeln. Grell und ostentativ gesetzte Popart-Elemente kontrastieren mit lichten Farbräumen, in denen der Sog des Malerischen den Blick in die Tiefe lenkt. Die Dynamik seiner zeichnerischen Setzungen, in deren nervöser Liniatur Bilder erinnerter Momente phantasmagorisch nachzittern, mögen sich in einem nächsten Bild als ornamental ziseliertes Netzwerk zeigen, in deren Gespinst sich der Blick verfängt. Kurzum: dieser Reichtum des künstlerischen Vokabulars gehört zum Rüstzeug der Malerei Tom Gefkens, die trotz ihrer so unterschiedlichen formalen Strategien eine frappante, gewissermaßen atmosphärische Handschrift entfaltet.“ Carsten Ahrens, 2007

 

Robert Gernhardt, 2002 über Jub Mönsters „Vagabunden“

Vor einigen Jahren, erzählt Jub Mönster, habe er auf einem Flohmarkt mehrere Dia-Kästen voller Dias entdeckt, einen davon erworben und, nach oberflächlicher Prüfung des Inhalts, auch die anderen Kästen gekauft. Aus ungefähr achttausend Alltags- und Urlaubsdias speise sich die von ihm zusammengestellte Serie von zweiundzwanzig thematisch zusammengehörigen Paar-Ablichtungen:“-werrden wahrscheinlich nicht im Katalog abgebildet, aber „wichtiger“ Bestandteil der Ausstellung sein.“ Das Waort „wichtig“ hat Jub Mönster nicht zufällig in Anführungszeichen gesetzt. Auf den ersten Blick wäre „nichtig“ die angemessenere Klassifizierung dessen, was uns der Finder Mönster vor Augen führt: Ein – bisher _ nicht identifiziertes Renterpaar reist durch die Welt und dokumentiert seine Reiselust u.a. dadurch, daß es von Ort zu Ort einander Modell für ein Erinnerungsfoto steht; er ihr, sie ihm, jeweils in gleicher Szenerie und vor gleichem Hintergrund. Gleich bleiben auch der Leibesumfang, die physische Konstitution und die psychische Verfassheit der Protagonisten – wie die Orte aber wechseln die Kleidungsstücke: Täuscht mich meine Beobachtung, zumindest sie habe sich für jede Reise neu eingekleidet?

Dem, der sich länger in die Schnappschüsse vertieft, winken weitere Entdeckungen. Beispielsweise die, daß seine Fotos von ihr so gut wie immer hinlänglich scharf sind, während es bei ihren Fotos von ihm in dieser Hinsícht immer wieder hapert: Wie mag er während der gemeinsamen Dia-Abende auf dieses Dauer-Manko reagiert haben? Wir wissen es nicht, spüren jedoch, daß unser habitueller, ja instinktiver Abscheu vor den beiden selbstzufriedenen Spießern sich unmerklich in wohlwollendes Interesse, ja Sympathie wandelt: Sind sie nicht beneidenswert, diese Zausel? Bewunderns-wert lebenstüchtig und bemerkenswert unfaustisch?

Werd`ich zum Augenblicke sagen:

Verweile doch! Du bist so schön!

Dann magst du mich in Fesseln schlagen,

Dann will ich gern zu Grunde gehen.“

- so spricht Faust zu Mephistopheles, mit diesem Pakt beginnt „Der Tragödie Erster Teil.“

Während unsere „Vagabunden“ ungeniert einen schönen Augenblick an den anderen reihen, ob in der Natur oder in der Kur, ob unter Palmen oder neben Flaschen – überall läßt`s sich`s gut sein, und nirgends lassen die zwei auch nur einen Hauch spüren von jenem immerwährenden faustischen Streben, das, wir hörtenes, jederzeit unvermutet in Todessucht und Untergang umschlagen kann. Gern sah sich „der Deutsche“ früherer Epochen selber so, oft tat es ihm das Ausland nach, dessen Deutschenbild sich bis auf den heutigen Tag bevorzugt aus im Wahnsinn endenden Philosophen und in Wahnfried hausenden Komponisten speist. Hier aber tritt uns in dreiundvierzig Bildern ein ganz anderes Deutschland entgegen. Auch ein besseres?

Sagen wir es so: Diese beiden Bilderbuchdeutschen haben die Katastrophen des 20sten Jahrhunderts miterlebt und überlebt. Sie haben das – ganz ohne eigenes Verschulden? - runtergebrachte Land wieder hochgebracht und es selber zu etwas gebracht. Sie haben Lehrgeld zahlen müssen und die Lage auf den Punkt gebracht: Das letztes Hemd hat keine Taschen, daher steckt man das Ersparte – man gönnt sich ja sonst nichts – in gutes Essen, schicke Klamotten und tolle Reisen. Was im deutschen Waldund auf der deutschen Heide beginnt, führt bald schon an südliche Strände; immer brauner werden unsere Helden und immer welterfahrener – doch da reißt die Serie der Doppelprotraits plötzlich ab. Mutterseelenallein fährt einer der beiden – ich vermute stark: Sie – im Sessellift über alpine Matten – aber nein! Jemand – ich nehme an: doch wohl Er – hat sie fotografiert, noch ist sie also in Gesellschaft, wenn auch die Tatsache befremdet, daß der Fotograf nicht im unmittelbar auf den ihren folgenden Sessel Platz genommen hat. Weil er die Distanz suchte? Weil er es nicht schaffte, rasch genug aufzusitzen?

Wie immer: Mit diesem starkem Bild läßt Jub Mönster seine schöne Fundserie enden, ja: „schöne Serie“, denn diesen seriell hergestellten Schnappschüssen ohne Kunstanspruch fehlt jener Zeigefinger, der mir die meisten Hochkunst-Serien verleidet. Sie wußten ja nicht, was sie taten, die beiden „Vagabunden“. Und wie die Dinge liegen, werden sie es auch nie erfahren. Da mußte ja nicht nur ihr Nachlaß auf den Flohmarkt, sondern auch noch ein Jub Mönster kommen, der ihre abertausend Bilder sichtete und einige von ihnen zum Sprechen brachte: Wer Augen hat zu sehen, der höre. Robert Gernhardt, 2002