Von der Spur und dem Spüren - Ausstellung Carin Grudda

16/06/2014 bis 17/09/2014

Öffnungszeiten: Mo-Sa 11-13 Uhr & Mo-Fr 16-20 Uhr

15.06.2014 um 13:00 Uhr | Kaltnadelradierungen in allen Räumen/Bronze Skulpturen der Bildhauerin sind platziert zwischen der Villa Ichon und dem Amtsgericht Bremen

Blau Miau vor Gerhard Marcks Haus

Ausstellung in der Villa Ichon vom 16. 6. 2014 - 17. 9. 2014

In Zusammenarbeit mit dem Gerhard Marcks-Haus

„Ohne Zeit zu sein - für einen Moment auch nur - ist Glück." (Carin Grudda)

Bronze-Skulpturen der Bildhauerin finden Sie vor der Villa Ichon, in der Villa Ichon, am Gerhard-Marcks-Haus, an der Kunsthalle, vor dem Wall-Saal und im Lesegarten der Stadtbibliothek sowie im Glasübergang des Amtsgerichts Bremen

In der Villa Ichon zeigt die Bildhauerin, Grafikerin und Malerin Carin Grudda Kaltnadelradierungen unter dem Titel: Von der Spur und dem Spüren

Unterwegs-Sein als Zustand

Carin Grudda ist als Bildhauerin, Malerin und Graphikerin tätig. Sie lebt in Ligurien, Italien. Ihr Atelier liegt in dem Bergdorf Lingueglietta. Dort betreibt sie den Skulpturenpark Tra i Mondi, übersetzt `zwischen den Welten`. Der von ihr gegebene Titel spiegelt ihr Wesen des immer „Unterwegs sein" als Zustand wieder. Dieser lässt sich auch in ihren Kunstwerke wiederfinden.

Die Künstlerin sagt:‚ Das Nicht-Angekommen-Sein, das In Between, die Suche: zur Bronze erstarrt, präsentiert Sie sich kostbar und human. Sie fängt das Jeweilige auf mit großem Zeitversprechen: das Provisorische und Endliche wird ein Ewiges. Das Unterwegs-Sein als Zustand, in dem es sich Einrichten lässt, immer wieder neu durch die Kunst".

In diesem Skulpturenpark zwischen Olivenhainen kann der der Besucher vielen ihrer phantasievollen Geschöpfe aus patinierter Bronze begegnen. Viele Tiere aus der griechischen Mythologie und Sagenwelt säumen den Weg. Frauenfiguren und Fabelwesen tauchen auf. Es gibt überdimensional große Katzen, dazwischen Pegasus und Zerberus. Manche dieser Tiere haben auch den Weg nach Bremen gefunden. Die fast 4 Meter hohe Blau Miau ist inzwischen gewandert und steht vor dem Gerhard-Marcks Haus.

In der Villa Ichon liegt der Focus auf den Grafiken und der Malerei der Künstlerin.
Aus der Beschäftigung mit dem Dadaismus der Künstlerin gewinnen das "Spiel" und der "Zufall" eine Bedeutung. Daraus erwächst eine Orientierung auf die "Spur und das Spüren", was zentrale Aspekte ihres künstlerischen Schaffens sind.

Karen Grudda absolvierte ein Stipendium in Miami 1991, danach in Frankfurt am Main und schließlich in Ingelheim. Dort experimentiert sie mit additiven Bildformaten, wobei sie autonome Bilder zunächst zusammenfügt ("group-paintings") und später großformatige Bildzyklen in kleine Einheiten zerteilt ("Blaubilder"). In den späten 1990er Jahren verändern sich die Bildträger. Grudda bemalt Holzflächen aller Art, die sie als objets trouvéts aus allen möglichen ehemaligen Funktionszusammenhängen in den Kulturprozess zurückführt und durch Applikation zahlreicher Gegenstände zu Assemblagen gestaltet. In ihrer Arbeit bezieht sie sich immer wieder auch auf die Philosophie des Ethischen Skeptizismus ihres Gießener Lehrers Odo Marquard.

Im Rahmen eines Stipendiums für Druckgraphik in Leipzig beginnt Grudda 1992 im Künstlerhaus Hohenossig und den Leipziger Werkstätten für künstlerische Druckgraphik Rössler, sich in die Technik der Kaltnadelradierung einzuarbeiten und sie auf ihre Weise weiterzuentwickeln.


In der Villa Ichon hängt die Druckgrafik Wilde Schafsjagd, eine Installation aus 21 Kaltnadelradierungen aus dem Jahr 2005. (3,75x6,65m ) Da Grudda in dieser Technik immer mehr zum Großformat übergeht und etwa den Stichel gegen die elektrische Handbohrmaschine eintauscht, entwickelt die Bildhauerin aus dem begrenzten Format der Radierung großformatige Bildkörper, die wie bei der wilden Schafsjagd zu wandfüllenden Installationen reichen.

Vermittelt durch einen Kunstpreis in Italien, macht Grudda 1998 die Bekanntschaft mit der Kunstgießerei Caporella in Rom und in der Toskana. Dort lernt sie alle Techniken des Bronzegusses kennen, den sie fortan zum Zentrum ihrer künstlerischen Arbeit macht. Dabei ist ihr wichtig, ihre Bronzebildwerke vom Modell bis zur fertigen Figur so weit wie möglich eigenhändig herzustellen und zu bearbeiten. Nach der Fertigung zahlreicher autonomer Bildwerke, wird Grudda zunehmend mit der Gestaltung öffentlicher Plätze und Verkehrsrondells in Deutschland und Italien beauftragt. Viele Bronzebildwerke befinden sich in öffentlichem Besitz in Deutschland, Italien und in der Schweiz. Während ihrer Arbeit in der Kunstgießerei Caporrella trifft Carin Grudda namhafte internationale Bronzekünstlern wie Daniel Spoerri, Luciano Castelli, Nunzio, Arman, Tommaso Cascella, Giuseppo Gallo oder Enzo Gucchi, mit denen sie in regem Künstlerkontakt steht.

Carin Grudda über ihre Arbeiten:

Von wegen Kaltnadel! Heiß wird es mir jedes Mal dabei - ob es eine kleine Platte ist oder ein Zweimeterblech aus Zink. Mit dem Fuß schleife ich sie über den Ort des Geschehens und nehme Abdrücke. Das feine Liniengewirr, das entsteht, ergibt das Netz, in dem ich zapple.
Jetzt fängt die Arbeit an: den Schrunden nachzugraben mit dem Griffel, Linien auszudeuten, sich reinzufräsen in das Blech mit dem ganzen Leib, mit aller Kraft. Die Finger mit Pflaster verklebt, drüber der Handschuh, kündigt am nächsten Tag der Muskelkater - zunächst nur in einem Arm, dann sich langsam den Körper erobernd - die Blasen an, die Schwielen, die nach einer Woche Fronarbeit noch lange die Hände zieren werden.
Körpereinsatz total: der entschlossene Strich. Der hineingehauene Graben. Zitternd läuft er in einer Spitze aus, manches Mal, wenn die Kraft sich ausgeatmet hat. Je tiefer, desto schwärzer die Linie. Je versehrter die Platte, desto aufregender das Ergebnis. Wie ein zerfurchtes Gesicht vom Leben erzählt. Eine verkratzte Seele von Abgründen und dem Trotzdem. Es ist ein Fließgleichgewicht von einem zum anderen.
Die Kaltnadel gleicht einer Körper-Geist-Auseinandersetzung mit widerständigem Material auf nahezu unsicherem Boden: Die Platte bleibt blank - auch so zerkratzt, wie sie ist - und offenbart sich erst am Ende. Die beim Druck ausblutende Farbe nämlich erzählt nun von der Schlacht auf dem Metall. Von der Zerstörung, die in Poesie mündet. Von der Zerbrechlichkeit zarter Liniengewebe. Von der Mühe, die sich in Leichtigkeit hüllt. Von der Spur und dem Spüren, dem Protokoll einer Situation, einer Arbeitswoche, in die alles einfließt. Jedes Mal wieder ein Abenteuer.

 

Mehr Informationen zu Carin Grudda unter: www.carin-grudda.net